Mindfulness for Austria

Was können wir uns unter Achtsamkeitsübungen vorstellen?

Allgemeine Achtsamkeitsübungen fördern bei regelmäßigem Training verschiedene Fähigkeiten, wie zum Beispiel Geduld, Ergebnisoffenheit, Freundlichkeit oder eine annehmende Haltung schwierigen Situationen gegenüber. Eine annehmende Haltung bedeutet nicht, dass es gleichgültig ist, was passiert. Es geht vielmehr darum, bereits Ge­sche­he­nes und Dinge, die wir im Moment nicht be­ein­flus­sen können, als Teil des menschlichen Lebens zu betrachten. Gelingt dies, führt dies zu einer Be­ru­hi­gung des Nervensystems und einer Entspannung im Körper.

Eine Schulung der Aufmerksamkeit fördert zusätzlich die Entwicklung dieser Fähigkeiten. Dabei wird bei allgemeinen Achtsamkeitsübungen der Fokus oft auf den Atem gelenkt, wie zum Beispiel mit Worten wie

„Die Aufmerksamkeit auf den Atem lenken. In welchem Körperbereich ist der Atem besonders deutlich spürbar? Vielleicht in den Nasenflügeln, oder im Hals­raum, vielleicht hebt und senkt sich der Brustbereich oder der Bauch, oder viel­leicht ist die Atmung an einer anderen Stelle gut spürbar. Mit der Auf­merk­sam­keit bei diesem Körperbereich bleiben und das Ein- und Ausatmen wahrnehmen. Möglicherweise kann auch die Zeit zwischen Ein‐ und Ausatmung wahr­ge­nom­men werden. Und wenn sich die Aufmerksamkeit gerade an einem anderen Ort be­fin­det, vielleicht bei Gedanken oder Gefühlen oder etwas anderes — dies be­mer­ken, und freundlich mit der Aufmerksamkeit wieder zum Atem zu­rück­kom­men […]

Nach dem kanadischen Schriftsteller, Pädagogen und Traumaexperten David Treleaven wird der Atem von vielen Men­schen als neutraler Ort empfunden. Dadurch kann der Atem bei Achtsamkeitsübungen als Anker genutzt werden. Ein Anker ist für die Herstellung innerer Stabilität hilfreich. Mit einem stabilen Anker haben wir die Möglichkeit, unsere Aufmerksamkeit Schritt für Schritt auch auf un­an­ge­neh­me Erlebnisse zu lenken. Interessanterweise führt eine be­wuss­te Wahrnehmung von Un­an­ge­neh­mem anschließend oft zu Entspannung. Laut David Treleaven besteht ein großer Teil von Acht­sam­keits­übun­gen darin, diese innere Stabilität herzustellen, um sie im Umgang mit Un­an­ge­neh­mem nutzen zu können.

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Was ist bei traumasensitiven Achtsamkeitsübungen anders als bei allgemeinen Achtsamkeitsübungen?

In dem Buch Traumasensitive Achtsamkeit beschreibt David Treleaven 5 Prinzipien und 64 Modifikationen für die Anleitung von traumasensitiven Achtsamkeitsübungen. Seiner Erfahrung nach ist der Atem für manche Menschen mit Traumaerfahrung kein neutraler Ort, da die Atmung vielmehr Trau­ma­erin­ne­run­gen ins Bewusstsein bringen kann. Demnach brauchen manche Menschen mit Trauma einen anderen Anker. Dies kann zum Beispiel ein Geräusch, die Empfindung der Hände oder die Wahr­nehm­ung des Kontakts zum Boden sein. Aufgrund dieser Erfahrungen ist es nach David Treleaven hilfreich, den Menschen die Wahl zu lassen oder verschiedene Optionen anzubieten, wenn es um den Fokus der Aufmerksamkeit geht. Diese Mo­di­fi­ka­tion wird neben 63 anderen Modifikationen bei traumasensitiven Achtsamkeitsübungen berücksichtigt. Nach David Treleaven unterstützt die Wahlmöglichkeit speziell Menschen mit Trauma in ihrer Selbstwirksamkeit, da sie beim traumatischen Erlebnis oft nicht die Möglichkeit gehabt hatten, selbst eine Wahl zu treffen. Dies hat zusätzlich sta­bi­li­sier­en­de Wirkung.

Das Toleranzfenster, das von Daniel J. Siegel, Professor der Psychiatrie und Leiter des Mindful Awareness Research Center der University of Carlifornia, geprägt wurde, ist für David Treleaven eines der 5 Prin­zi­pien. Gemeint ist damit ein Bezugsrahmen, innerhalb dessen wir uns wohlfühlen und Stress oder Unangenehmes tolerieren können. Je mehr wir unser eigenes Tol­er­anz­fen­ster kennen und be­rück­sich­ti­gen, umso leichter können wir Achtsamkeitsübungen eigenverantwortlich durchführen. Es kann auch sein, dass sich das Tol­er­anz­fen­ster mit der Zeit ausdehnt.

Letztendlich geht es um die Frage, was wir wissen müssen, um Acht­sam­keits­übung­en auf sichere Weise Menschen mit Trauma anbieten zu können.

Bei der Entwicklung von traumasensitiven Achtsamkeitsübungen in den Fluchtsprachen be­rück­sich­ti­gen wir all jenes, was für Geflüchtete mit Trauma relevant ist, um hilfreiche Übungen anbieten zu können. Dies erreichen wir durch die Aneignung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse in den Bereichen Traumaforschung, Achtsamkeit, Traumasensitive Achtsamkeit und Pä­da­go­gik, durch die Mit­be­rück­sich­ti­gung des kulturellen, religiösen und sprachlichen Hintergrunds sowie der aktuellen Si­tua­tion von Ge­flüch­te­ten und durch die Zusammenarbeit mit Universitäten, Organisationen, Fach­ex­pert*innen und Ge­flüch­te­ten.

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